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Plädoyer für die Komfortzone

Plädoyer für die Komfortzone

Im Beratungs- und Coaching Geschäft genießt die Komfortzone einen schlechten Ruf. Immer wieder wird auf- und eingefordert diese zu verlassen. Oft werden Veränderungen nur darum angestoßen, um zu vermeiden, dass die Mitarbeiter sich eine solche schaffen.

Was aber ist eigentlich diese Komfortzone?

Der Begriff der Komfortzone wird meist mit der Assoziation von einer angenehmen Umgebung verbunden, in der wir uns wohlfühlen und in der wir ein gewisses solides Maß an Kontrolle haben. Das Verlassen dieser Zone erfordert Mut und bedeutet Aufwand und Risiko.

Ich möchte ein einfaches Bild nutzen: Wir leben in einem kleinen Tal in den Bergen, dass unsere Versorgung mit Wasser, einfachen Lebensmitteln und Wärme sicherstellt. Wenn wir mehr wollen, müssten wir dieses Tal verlassen und uns auf den sehr steilen und gefährlichen Weg über die Berge machen.

Wir wissen aber nicht wie lang und beschwerlich der Weg ist, nicht was wir am Ende dieses Weges finden und auch nicht, ob es einen Weg zurück in unser Tal gibt. Diesen Weg zu gehen bedeutet Mut, Anstrengung und Gefahr und erzeugt in der Folge ein solides Maß an Stress.

Stress wirkt temporär und in gesundem Maß durchaus leistungssteigernd. Und ohne das Verlassen unserer Komfortzone werden wir nie herausfinden, was da noch alles auf uns wartet. Solange wir zufrieden sind, ist alles gut ….. Und solange unser Tal bleibt, wie es ist.

Veränderung

Wenn wir aber mehr wollen oder anderes oder wenn uns der Wunsch nach Erkenntnis treibt, dann müssen wir aufbrechen. Aber auch, wenn sich die Bedingungen ändern. Wenn weitere Menschen in unser Tal leben wollen, reichen vielleicht die Ressourcen nicht mehr. Oder das Wetter ändert sich, der Regen nimmt ab und die Erträge der Felder reduzieren sich. Oder eine Krankheit befällt unsere Haustiere, oder…

 

Auch wenn wir es nicht wollen und auch weil es schon immer so war und es gut war, wird uns unsere Komfortzone nicht mehr den Komfort bieten, den wir gewohnt waren und mit dem wir zufrieden waren. Und der für uns Sicherheit bedeutete. Wir können uns noch einige Zeit an unser Tal klammern, aber eigentlich ist es Zeit aufzubrechen. Je später wir aufbrechen, desto weniger Reserven werden wir aus dem Tal mit auf den Weg nehmen können.

Diese Veränderungen erleben wir in der Wirtschaft alltäglich. Und leider auch das Klammern an das Überkommene.

Immer wieder wird propagiert, nur das Verlassen der Komfortzone führe zu Erfolg, nur dort sind Ideen entwickelbar, das wirkliche Leben beginnt erst mit dem Verlassen der Komfortzone. Also verlasse sie! Und dann auch gleich auch die nächste und übernächste. Deine Komfortzonen verhindern Deine Entwicklung. Vermeide Sie!

 

Warum lieben wir unsere Komfortzone?

Jedoch, wie gesagt, das Verlassen der Komfortzone bedeutet erst einmal Stress. Stress kann förderlich sein und helfen, zu viel Stress aber macht krank. Unsere Wirtschaft aber fordert genau das.

Stress ist eine Reaktion unseres Körpers, um in schwierigen und gefährlichen Situationen Reserven bereit zu stellen, um diese Situationen zu überstehen. Jedoch müssen diese Reserven auch wieder aufgefüllt werden. Das kann nur erfolgen, wenn entsprechende Ressourcen ausreichend zur Verfügung stehen. Und genau das erfolgt in unsere Komfortzonen. Sie stellt ausreichende Ressourcen mentaler und physischer Art bereit, um unsere Reserven für das nächste Verlassen der Komfortzone aufzuladen.

In der Pädagogik gibt es den Begriff des „Bereichs der optimalen Entwicklung“. Menschen (insbesondere Kinder) lernen und entwickeln sich dann am besten, wenn sie sich wohl und sicher fühlen. Kinder verlassen gerne die elterliche Komfortzone, um neues auszuprobieren und wenn sie die Sicherheit haben, zurück kehren zu können. Nach ihren „Experimenten“ kehren sie heim und berichten von ihren Erfolgen und ihren Misserfolgen. Das Lernen erfolgt also immer in der Nähe der Komfortzone. Ist die Herausforderung zu einfach (liegt sie also quasi noch in der Komfortzone) so ist sie schnell langweilig. Ist sie zu schwer, entsteht Frust, der effektiv eine Weiterentwicklung verhindert.

Der kreative Bereich zwischen Weiterentwicklung und Lernen finden also immer im Bereich zwischen der Komfortzone und der Frustrationszone statt. Durch das Lernen wird die Zone größer und verändert sich.

Wenn irgend möglich sollten wir uns also frühzeitig den auftretenden Herausforderungen annehmen, um in maßvollen Schritten Lösungen zu entwickeln und gleichzeitig die Möglichkeit erhalten unsere Reserven immer wieder für die nächste Etappe aufzuladen.

Wenn wir unser Tal verlassen, um zu neuen Horizonten aufzubrechen, dann kann das nächste grüne Tal bereits ein interessantes Ziel und vielleicht für einen bestimmten Zeitraum unsere neue Komfortzone sein. Es wäre unsinnig gleich wieder aufzubrechen, nur weil das Verlassen ein Selbstzweck ist. Es wäre aber sinnvoll, nachdem wir uns etwas eingerichtet haben, die Umgebung in immer größeren Radien zu erkunden, die Möglichkeiten, die die Umgebung bietet, zu entdecken und vorbereitet zu sein, um auch dieses Tal irgendwann wieder zu verlassen.

Wir alle haben psychische und physische Grenzen. Wir sollten diese anerkennen. Wenn wir diese permanent überschreiten, führt das zu Erkrankungen. Unser Leben und unsere Arbeitswelt besteht aus Dingen, die uns leichter fallen, aber vor allem auch zunehmend aus Anforderungen, die außerhalb des uns Bekannten und Gewohnten liegen. Um die hierfür notwendigen Energien bereitzustellen brauchen wir unsere Komfortzonen. Sie bieten und die notwendige Unterstützung und einen Rückzugsort, wenn der Stress zu groß wird.

Die Komfortzone der Organisation

Was bedeuten nur Komfortzonen in Unternehmen? Kramen wir in den Tiefen von Führungswissen und sozialen Systemen: Teams brauchen zu ihrer Entwicklung Zeit, Orientierung und vorallem Energie. Letztere steht unter Druck in schwierigen Situationen (also außerhalb der Komfortzone) nur begrenzt zur Verfügung. Die jeweilige kritische Situation fordert bereits viel davon ein, für die Teamentwicklung bleibt wenig Reserve. Andererseits gibt die kritsche Situation die notwendigen Impulse an die Teams, sich weiter zu entwickeln.

Die Strukturen in Teams sind soziales Systeme und damit von sich aus schon dynamisch. Im Gegensatz dazu sind viele Unternehmensorganisationen  statisch und versuchen ihre Strukturen aktiv aufrechterhalten. Soziale Systeme leben und entwickeln sich beständig. Sie bewahren ihre Formen, Eigenschaften und Verhaltensweisen nur, wenn diese sich bewährt haben und als passend für die aktuellen Rahmenbedingen empfunden werden.

Die Natur dieser Rahmenbedingungen reichen von sehr statischen (z.B. durch Gesetze oder die Unternehmensorganisation vorgegeben) bis zu hochdynamischen (z.B. von durch den Märkten, auch dem Arbeitsmarkt vorgegeben) Einflüssen. In Verbindung mit dynamisch varierenden Gewichtungen entsteht ein komplexes Feld in dem sich das Team einrichten muss. Es ist also selten, dass kein Anpassungsbedarf wahrgenommen wird.

Die Komfortzone bietet dem Team die Möglichkeit, sowohl die neuen in der kritischen Situation wahrgenommenen Anforderungen, als auch die aufgrund der Veränderungen der Rahmenebedingungen anstehenden Anpassungen abzuarbeiten und neue informelle Regeln und Prozesse für die teaminternen Strukturen zu entwickeln.

Schwierig wird es, wenn unternehmensinterne Einflüsse dieses nicht zulassen, in dem durch zu restriktuve Vorgaben oder zu häufige Umorganisationen die Teams keine Ruhe und Möglichkeit finden, ihre Komfortzone einzurichten. Die Teams werden, wenn auch unbewußt, nie darauf verzichten, diese einzufordern und auch in diese Richtung zu arbeiten. Die hierfür aufgewandten Ressourcen stehen dann für produktive Aufgaben zum Nutzen der Kunden nicht mehr zur Verfügung. Die Reserven an Ressourcen bleiben gering, in der Folge reduziert sich die wirtschaftliche Resillienz.

Fazit

Was für uns individuell gilt, gilt genauso für Team, Organisationen und Unternehmen. Die Notwendigkeit zu Veränderungen ist bedingt in den Veränderungen, die auf uns und unsere Unternehmen einwirken. Der Trend Veränderungen um ihrer selbst willen als Managementparadigma ist jedoch kritisch zu sehen.

Veränderungen sind unvermeidbar und müssen bewältigt werden. Sie erzeugen Stress und benötigen damit einen deutlich erhöhten Energieaufwand. Um diesen als Individuum oder als Organisation leisten zu können, benötigen wir unsere Komfortzonen.

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